Endlich Backstage! Eine wahre Geschichte

1985. Aus Norwegen kamen noch nie da gewesene Synthesizermelodien und schraubten sich in mein Gehör. Mit 169 „beats per minute“ etwas zum Tanzen aber auch zum Träumen. Es war damals das Maß der Dinge unter uns Formel Eins- und MTV-Guckern: „Take On Me“ von A-ha, der Dauerbrenner. Hand aufs Herz: Wer träumte nicht vom Helden oder der weiblichen Hauptfigur im Musikvideo? Die Überset- zung des Titels, diese drei Wörter, simpel und doch vieldeutig: Take on me, also verlass Dich auf mich! Komm mit mir! Vertraue mir! Oder: Sei mutig!

Das dachte sich auch ein Mädchen und ging im Alter von 15 Jahren Ende 1986 zum A-ha Konzert. Wie die Beatles waren A-ha damals in der Lage, Massen von überwiegend weiblichen Fans zu elektrisieren. Diese taten vieles, wenn nicht sogar alles, um ihren Stars nah, ganz nah zu sein. Kreischen bis zum Gehörsturz… geschenkt.

Wir sind in der bunten Welt der Achtziger. Weit weg von Smartphone, Scanner und Farbdrucker. In der BRAVO gab es damals ein Kreuzworträtsel. Es fiel ihr auf, weil es Backstagepässe für ein A-ha Konzert zu gewinnen gab. Aber sie wollte nicht auf das Losglück hoffen. Sie wollte zu A-ha, und sie hatte eine Idee.

Sie schaute sich das Foto mit dem Backstagepass genau an und zeichnete es einfach nach. Mit Klebefolie für Schulbücher fasste sie die Zeichnung ein. Fertig war so etwas wie ein frischer Backstagepass. Wochen später saß sie damit im Zug und wusste: Heute treffe ich A-ha; nur mal aus der Nähe anschauen, reden und ein Autogramm bekommen.

Die Situation vor der Halle war damals wie heute: „Der frühe Vogel…“ denken sich die meisten und campen wild vor den Eingängen der Halle. Sie hoffen, bei Einlass im wilden Massenspurt den besten Platz vor der Bühne zu ergattern. Sie indes hatte etwas anderes vor und begab sich direkt zum Backstageein- gang. Selbstbewusst näherte sie sich der Eingangstür, der Security. Ein kurzer Blick auf Pass und Person – sie war drin! Ganz einfach, ohne Problem, backstage!

Da stand sie dann inmitten vieler wichtiger, ihr unbekannter Menschen. Einfach zu fragen, wo jetzt die Garderobe von A-ha war, traute sie sich dann doch nicht, bis sie glücklicherweise entlang des Gangs eine Tür mit der Aufschrift A-ha sah. Nicht nur am Eingang, auch im Gang erkannte sie Sicherheitsleute, die sie mit ihrem Ausweis ebenfalls passieren ließen. Schaute da eigentlich auch nur einer genauer drauf? Schließlich war sie am Ziel: vor der Garderobentür der drei Jungs. Reich mir die Zeichentrickhand und ich hole dich raus, oder nein, ich mache die Tür einfach mal auf. Take on me! Sei mutig! Sie blickte in den Raum, doch da war keiner!

Der Raum war hübsch mit Ledersesseln, Getränken und Snacks hergerichtet. Was fehlte, waren die Künstler. Es war 19 Uhr. Was für eine große Enttäuschung. Sie setzte sich auf eine Bank und wartet. Nach einer halben Stunde stand er dann vor ihr: Ein – möglicherweise auch ganz passabel aussehender – Hallenmitarbeiter mit frischen Handtüchern für die Band. Jetzt doch etwas aufgeregter, wedelte sie mit dem Backstagepass vor den Augen des Fremden herum. Der musste gar nicht so genau hinschauen: Handmade und größer als die echten Pässe. Drei Minuten später stand sie wieder vor der Halle. Ohne Backstagepass und ohne Künstlerkontakt. Dumm gelaufen!

Was blieb war der reguläre Konzertbesuch mit Konzertkarte, die sie vorsorglich Wochen zuvor gekauft hatte. Guter „Plan B“. Dem geplatzten Traum folgte immerhin ein großartiges Konzert. Und der kleine Rausschmiss blieb folgenlos. Nicht einmal ein Anruf bei den Eltern. Hallenmitarbeiter sind auch nur Menschen und so kurz vor Konzertbeginn mit anderem beschäftigt, als sich intensiver mit störenden Fans im Backstagebereich zu beschäftigen.

Noch heute wundert sie sich über ihren damaligen Mut und wie einfach es war, in die Künstlergarderobe zu gelangen. Damals wie heute vermutlich kein Einzelfall! Denn mal ehrlich: Wer von uns kennt nicht über ein paar Ecken jemanden, der es nicht schon einmal unerkannt Backstage geschafft hat? Hundertprozentige Sicherheit wird es solange nicht geben, wie der Irrtum unser ständiger Wegbegleiter ist und wir stets nur das sehen, was wir sehen wollen. Es ist menschlich. Wer denkt 1985 schon an von Hand gezeichnete Backstagepässe? Gut für diese Geschichte. Ich hätte sie sonst nicht schreiben können. Und bitte: Nicht nachmachen. | Oliver Duderstädt

Veröffentlicht im „Musikmarkt„, Februar 2015, S.55

Oliver Duderstädt

Projekte entwicklen und Beraten: Veranstaltungsstätten - Events - Veranstaltungsbetrieb — mit Leidenschaft seit 1998.